Eine Frage des Preises: Wie CO₂ zum Kostenfaktor wird
Beginnen wir mit dem Kernstück: der CO₂-Bepreisung. Viele meiner Mandanten, insbesondere aus dem Mittelstand, unterschätzen immer noch die exponentielle Dynamik dieses Instruments. Die Verbrauchsteuer auf fossile Brennstoffe ist keine statische Größe. Ursprünglich 2021 mit 25 Euro pro Tonne gestartet, klettert der Preis im nationalen Emissionshandelssystem (nEHS) Jahr für Jahr. Bis 2026 sollen es bereits 55 bis 65 Euro sein – und die Pfadabhängigkeit in Richtung 300 Euro pro Tonne bis 2050 ist politisch festgeschrieben. Das ist keine Steuer im klassischen Sinne, sondern eine dirigistische Preissteuerung. Für Ihr Investment bedeutet das konkret: Unternehmen, die energieintensive Produktionsprozesse haben, stehen vor einer massiven Kostenlawine. Ich habe vor kurzem mit einem Geschäftsführer eines mittelständischen Glasherstellers gesprochen – wir bereiten gerade seine Bilanz vor. Vor drei Jahren betrugen seine Energiekosten etwa 8% des Umsatzes. Heute, im Jahr 2024, sind es bereits 14%, und seine Prognosen für 2027 zeigen Werte von über 22% – selbst ohne weitere Produktionsausweitung. Diese zusätzlichen Kosten müssen entweder an die Kunden weitergegeben werden, was die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet, oder sie fressen direkt die Marge. Als Investor müssen Sie sich also anschauen: Wie hoch ist die CO₂-Intensität des Produkts? Kann der Preis auf dem Weltmarkt durchgesetzt werden? Oder gibt es Substitutionsmöglichkeiten? Ein entscheidender Punkt, den ich in meiner Praxis immer wieder betonen muss, ist der Unterschied zwischen Umlage und tatsächlicher Steuerlast. Kaum ein Unternehmer versteht den Unterschied zwischen den Mengenströmen im Emissionshandel und der reinen Stromsteuer. Die Stromsteuer, ein Relikt aus den 90ern, soll ebenfalls reformiert werden. Die EU hat mit der Energiesteuerrichtlinie bereits einen Vorschlag vorgelegt, der die Mindeststeuersätze drastisch anheben will – und zwar gestaffelt nach Umweltverträglichkeit. Das bedeutet: Der Faktor Strom wird teurer, aber der Faktor Ökostrom wird relativ günstiger. Clevere Investoren nutzen diesen "Spread" bereits aus, indem sie in Standorte mit günstigen Erneuerbaren-PPA (Power Purchase Agreements) investieren. Die Verbrauchsteuerpolitik ist hier der Hebel, der diese Differenz erst richtig scharf macht.Wettbewerbsverzerrung oder Innovationstreiber?
Nun kommen wir zu einem heiklen Punkt, der in deutschen Aufsichtsräten oft für Zündstoff sorgt – dem sogenannten Carbon-Leakage-Risiko. Die Politik erhöht die Steuerlast für umweltbelastende Produkte im Inland, aber was passiert mit den Unternehmen, die einfach ins Ausland abwandern? Genau hier liegt das Spannungsfeld. Einerseits soll die Steuer lenken, andererseits darf sie nicht die eigene Industrie töten. Die Antwort des Gesetzgebers ist der EU-Mechanismus zur CO₂-Grenzbepreisung, das berüchtigte CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism). Für uns Berater ist das ein zweischneidiges Schwert: Es schafft gigantische bürokratische Anforderungen, eröffnet aber auch strategische Chancen. Ich erinnere mich an einen Fall aus der Beratung im Jahr 2022, als ein chinesischer Investor ein deutsches Stahlverarbeitungswerk übernehmen wollte. Die Due Diligence war furchtbar komplex, denn wir mussten nicht nur die klassischen Steuerrisiken prüfen, sondern auch die zukünftigen Verpflichtungen aus dem nEHS und die möglichen Anpassungen bei den Verbrauchsteuern auf Energieerzeugnisse. Der Investor wollte plötzlich den Kaufpreis um 15% drücken, weil er die drohenden CO₂-Kosten als latente Belastung in der Bilanz erkannt hatte. Das war klug kalkuliert, denn diese Kosten sind seit 2023 real – sie müssen mit dem Preis der Emissionszertifikate bewertet werden. Für den Verkäufer ein Desaster, für den Käufer – also für Ihren potenziellen Investmentfall – ein Hebel zur Wertsteigerung.
Aber es gibt auch die positive Seite der Medaille. Die Verbrauchsteuerpolitik wirkt massiv als Innovationsbeschleuniger. Unternehmen, die frühzeitig in abfallarme Kreislaufwirtschaft oder in alternative Antriebe investieren, werden durch die steigenden Steuern auf Altprodukte relativ wettbewerbsfähiger. Schauen Sie sich die chemische Industrie an: Die Produktion von "grünem" Ammoniak oder Methanol wird steuerlich bevorteilt, während die konventionelle Herstellung immer teurer wird. Als Investor sollten Sie genau prüfen, ob Ihr Zielunternehmen auf der Gewinnerseite dieser Verlagerung steht. Es reicht nicht mehr, nur die Bilanzsumme zu betrachten; man muss die "CO₂-Bilanzsumme" kennen. Das ist der Begriff, den ich inzwischen oft verwende: die gesamten zukünftigen Steuer- und Zertifikatsverpflichtungen, die in der Struktur des Unternehmens schlummern.